Geduld: Was hat das mit Marshmallows zu tun? Und kann man das lernen?

Was haben Marshmallows mit Geduld zu tun?
Warum schreibe ich über Geduld?
Kann man Geduld lernen?

Diese Fragen werde ich dir in diesem Beitrag beantworten und hoffe, dass du die ein oder andere nützliche Information für dich mitnehmen kannst.

Geduld ist gerade für (Neu-)Eltern eine Eigenschaft, die sie – sofern noch nicht vorhanden – schnellstmöglich trainieren sollten. Ein dünner Geduldsfaden kann nachhaltige negative Auswirkungen auf die Eltern-Kind-Beziehung haben und mehr Schaden anrichten, als man vielleicht im ersten Moment glauben mag.

Bevor wir aber starten, die Fragen zu beantworten – und bevor ich dir erzähle, warum Marshmallows bei der Entwicklung von Geduld eine Rolle spielen können – schauen wir uns doch erst einmal an, was Geduld überhaupt ist.

Was ist Geduld?

Geduld ist die Fähigkeit, warten zu können.
Sie setzt sich zusammen aus Selbstakzeptanz, Ausdauer und Frustrationstoleranz.

Beobachte (dich) mal im Alltag:
An der Supermarktkasse, auf der Post, im Straßenverkehr…
Kannst du warten? Wie warten die anderen?

Ganz oft beobachte ich Folgendes:
An der Supermarktkasse:
Die Schlange wird länger, das meistens sehr knappe Personal ist an allen Ecken und Enden im Einsatz und somit nur eine der Kassen geöffnet. Es dauert nicht lange, bis irgendjemand in der Schlange sich beschwert und lautstark nach einer zweiten Kasse ruft. Wahrscheinlich regt dieser Jemand sich noch einige Zeit nach dem Einkauf darüber auf, dass alles so lange gedauert hat.

Auf der Post:
Bei uns auf der Hauptpost ist es mittlerweile so geregelt, dass es EINE Anstellmöglichkeit für ALLE Schalter gibt. Das ist schon mal ziemlich clever, wie ich finde. Und dennoch wartet man teilweise sehr lange, weil eben auch die ein oder andere Beratung zu verschiedenen Produkten nötig ist. Interessanterweise werden die Menschen auf der Post – meinem Gefühl nach – langsamer ungeduldig als im Supermarkt. Trotzdem gehen viele wieder, weil ihnen alles einfach zu lange dauert.

Im Straßenverkehr:
Der Straßenverkehr ist meiner Ansicht nach DAS Thema wenn es um das Nicht-Warten-Können geht. Einige Menschen mutieren regelrecht zu einem Hassklumpen im Auto – auch wenn sie außerhalb sehr umgänglich scheinen.
Vor ihnen ein Kleinwagen, der sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung hält? – Geht gar nicht. Der MUSS überholt werden. Manchmal egal, wie gefährlich das Manöver wird. Und überhaupt: Geschwindigkeitsbegrenzungen… Für die meisten scheinen das mittlerweile eher so ganz grobe Richtlinien zu sein. Ein nicht überholbarer LKW ist für viele ein Super-GAU.

Geduld ist wie ein Muskel – er muss regelmäßig trainiert werden

Geduld, also die Fähigkeit warten zu können, ist heutzutage eine Eigenschaft, die oft abhanden gekommen ist.
Und wie soll sie auch trainiert werden?
Serien bingewatchen wir auf unserem favorisierten Streamingdienst. – Nichts mehr mit einer Woche warten bis zur nächsten Folge oder gar Monaten bis zur nächsten Staffel.
Was wir wollen, das können wir uns beschaffen – selbst wenn die finanziellen Mittel nicht vorhanden sind. – Konsumkredite lassen grüßen.
Ein neues Auto muss her, aber das Geld reicht nicht? – Leasing ist die Antwort.

Unser Geduldsmuskel wird so immer schlaffer – geschuldet unseren modernen Lebensumständen.
Und gleichzeitig – und da wären wir wieder beim Lernen am Modell – fehlen hier oder da auch Geduldsvorbilder.

Aber welche Art von Warten ist eigentlich gemeint, wenn es um Geduld geht?

Geduld ist Warten in einer besonderen Qualität

Warten ist nicht gleich warten.
Nehmen wir eine Situation aus dem Straßenverkehr:

Situation im Straßenverkehr

Frage an die Situation

Was machst du?

Gefühle und dein Umgang mit ihnen

Ist die Situation kurzfristig änderbar?

Wirst du immer nervöser und ungeduldiger, weil du nicht überholen kannst? Weil du die Strecke nicht mehr überblicken kannst? Weil die LKWs langsamer fahren, als du eigentlich könntest? Weil du pünktlich ankommen willst?

Lässt du dich von deiner Nervosität / Ungeduld mitreißen, steigerst dich in dieses Gefühl hinein und wirst vielleicht auch unvorsichtig?

Lässt du deiner Wut über die Situation freien Lauf? Schimpfst du auf andere Verkehrsteilnehmer?

Beantwortest du die (meisten) Fragen mit „ja“, bist du wahrscheinlich eher ungeduldig.

So viel, so gut. Aber was hat ein Marshmallow nun mit Geduld zu tun?

Was hat ein Marshmallow mit Geduld zu tun?

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In den 1960er Jahren wurde eine Studie mit Vorschulkindern durchgeführt.
Der Versuchsaufbau war folgender (und wird vielleicht dem ein oder der anderen aus einer Fernsehwerbung für Kinderschokoladespielzeug bekannt sein…)
Das Kind sitzt allein an einem Tisch. Der Versuchsleiter legt dem Kind einen Marshmallow vor die Nase und verlässt den Raum. Vorher erzählt er dem Kind, dass er etwas erledigen müsse. Wenn er wiederkomme und das Kind den Marshmallow nicht gegessen hätte, gäbe es einen zweiten.
Nach 15 Minuten allein im Raum mit einem Marshmallow, hatten einige Kinder diesen gegessen – sie konnten nicht auf den zweiten warten. Andere hatten es geschafft, den Marshmallow nicht zu essen – auch wenn es ihnen teilweise unheimlich schwer gefallen war.

Und daran lässt sich jetzt Geduld erkennen?
Ja, denn: Geduld ist die Fähigkeit zu warten. Einige Kinder besaßen diese Fähigkeit (bereits), andere (noch) nicht.

Seit dem Experiment ist viel Zeit vergangen und weitere Experimente wurden durchgeführt. Die Geduld wurde immer weiter erforscht.

13 Jahre, nachdem das Marshmallowexperiment durchgeführt wurde, gab es ein weiteres Experiment.
Die gleichen Kinder, die am Ausgangsexperiment teilgenommen hatten, wurden wieder eingeladen. Und die Ergebnisse sind erstaunlich!

Geduld zahlt sich aus – in jeglicher Hinsicht

Die Kinder, die bereits im Vorschulalter auf den zweiten Marshmallow warten konnten – und somit geduldiger waren als die Kinder, die das nicht konnten, waren im Leben insgesamt erfolgreicher, zielstrebiger, sozial kompetenter, sportlicher, hatten einen niedrigeren BMI und waren weniger oft drogenabhängig.

Einmal mehr wird also deutlich: Geduld ist eine Fähigkeit, die trainiert werden sollte.
Aber es geht noch weiter.

Geduld zahlt sich auch gesamtwirtschaftlich aus

Geduld ist nicht nur eine Fähigkeit, die dem Einzelnen dazu verhelfen kann, erfolgreicher zu sein, sondern sie wirkt sich auch auf die Gesamtgesellschaft und die wirtschaftliche Lage eines Landes aus.

Geduld ist die Fähigkeit, warten zu können.
Wenn ich in der Lage bin, meine aktuellen Bedürfnisse zurückzustellen, um in der Zukunft eine „größere“ Belohnung zu erhalten, ist allen geholfen.

Nehmen wir als Beispiel Bildung.
Bin ich bereit, heute zu lernen und mich weiterzubilden (und es morgen und übermorgen und überübermorgen wieder zu tun), werde ich in der Zukunft einen besseren Schulabschluss machen, bessere Verdienstmöglichkeiten haben, mich als Experte positionieren können usw. Ich werde mich im besten Fall aber gleichzeitig auch vor der Altersarmut schützen können, denn durch ein höheres Einkommen lässt sich eine höhere Rente generieren, bzw. habe ich mehr Ressourcen, um für eine private Rente zu sparen.
Umgekehrt wird es Ungeduldigen weniger gelingen, diese Investition in ihre Zukunft vorzunehmen, ihre eigenen Bedürfnisse (kurzfristig) zurückzustellen.
Warum?

Das Umfeld eines Kindes trägt zur (Un)Geduld des Kindes bei

Wächst ein Kind in einer zuverlässigen Umgebung auf, lernt es, dass es sich auf bestimmte Dinge und Personen verlassen kann. Wenn MaPa sagt, heute koche ich dein Lieblingsessen, dann wird ErSie es tun. Wenn MaPa sagt, morgen gehen wir gemeinsam auf den Spielplatz, dann wird ErSie es tun. Das Kind verlässt sich darauf und wird nicht enttäuscht: Es gibt heute das Lieblingsessen und morgen geht es auf den Spielplatz.

Ganz anders sieht das in einem unzuverlässigen Umfeld aus. Wenn die gemachten Versprechen eben nicht eingehalten werden. Das Kind lernt dann, dass es sich nicht auf solche Aussagen wie oben verlassen kann und wählt stattdessen – sofern die Möglichkeit besteht – immer die kurzfristig am schnellsten erreichbare Belohnung.

An dieser Stelle wäre es interessant zu wissen, wie sich unterschiedliche Erfahrungen auf Pflegekinder auswirken. Immer wieder höre und lese ich von Kindern, die schon von klein an immer wieder in unterschiedlichen Pflegefamilien sind oder zwischen Pflegefamilie und Heim wechseln. 
Nach Zuverlässigkeitskriterien erscheint mir das als ein Desaster.

Wenn Geduld aber eine so wichtige Fähigkeit ist, wie kann ich sie dann trainieren?

Wie du Geduld trainieren kannst – meine Tipps

  1. Lerne, zu akzeptieren, was du nicht ändern kannst
  2. Sei dankbar
  3. Überprüfe deine Erwartungen
  4. Lenke deinen Blick auf das Positive
  5. Pass dein Zeitmanagement an
  6. Sei produktiv

Akzeptiere, was du nicht ändern kannst

Das ist so leicht gesagt. Oftmals ist es gar nicht leicht. Weil wir es uns anders wünschen und gerne anders hätten.
Damit ist auch nicht gemeint, resigniert den Kopf in den Sand zu stecken, aufzugeben, sich zu ergeben.
An der LKW-Situation lässt sich ganz gut erkennen, was gemeint ist:
Du bist JETZT, IN DIESEM MOMENT nicht in der Lage, die beiden LKWs zu überholen. Du kannst rein gar nichts an der äußeren Situation ändern. Egal, welche Gefühle du in dir zulässt.
Statt in Rage oder Wut zu geraten, statt ungeduldig zu werden, akzeptiere die Situation.
Vielleicht hast du ja sogar einen Marshmallow dabei, den du genüsslich essen kannst…
Und falls dir das nicht reicht: Verschiedene Experimente haben gezeigt, dass die Zeitersparnis, die du durch das Überholen vermeintlich hättest, nur minimal bis gar nicht vorhanden ist.

Sei dankbar

Führe ein Dankbarkeitsritual ein. Das kann zum Beispiel in einem Dankbarkeitsglas bestehen, das du täglich oder wöchentlich füllst und auf das du bei Bedarf immer wieder zurückgreifen kannst.
Aber auch in alltäglichen Situationen hilft dir Dankbarkeit dabei, nicht ungeduldig zu werden, denn es hat sich gezeigt, dass Menschen, die dankbar sind, besser (ab)warten können.
Wie könnte das für die LKW-Situation aussehen? Wofür könntest du dankbar sein?

  • Du hast jetzt die Möglichkeit, dir eine Mini-Auszeit zu nehmen, deinen Gedanken nachzuhängen. Vielleicht hast du sonst im stressigen Alltag gar nicht die Möglichkeit dazu?
  • Du bist in der Lage mit deinem eigenen Auto unterwegs zu sein.

Klingt alles banal und ein bisschen nichtssagend?
Aber genau darum geht es bei Dankbarkeit eben auch: sich auf die kleinen und kleinsten Dinge im Alltag zu konzentrieren.

Überprüfe deine Erwartungen

Welche Erwartungen hast du generell an einen Tag, an eine Situation, an dein Leben? Und vor allem: Welche Erwartungen hast du an deine Mitmenschen (Familie, Freunde, Fremde, andere Verkehrsteilnehmer)?
Können diese Erwartungen erfüllt werden?

Beispiel Zeitmanagement:
Du planst deinen Tag, ohne weitere mögliche Komplikationen zu bedenken. Du möchtest noch in Ruhe einen Kaffee trinken und dann zu deinem ersten Termin / zur Arbeit starten. Die Zeit dafür ist knapp bemessen, aber dein liebster Routenplaner sagt dir, dass deine eingeplante Zeit ausreicht.
Was dabei komplett aus den Augen gerät, ist die Tatsache, dass genau dann Murphy’s Gesetz zuschlägt:

Alles, was schiefgehen kann, geht auch schief.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wirst du also in einen Stau geraten, hinter zwei LKWs herfahren müssen, an einen Unfallort kommen oder sonst etwas erleben, was deinen eng getakteten Zeitplan komplett durcheinander wirft.
Deine Erwartungen an die Situation (losfahren und ohne Probleme pünktlich am Ziel ankommen) können also nicht erfüllt werden.
Genau das ist der Punkt, der wieder das Potential für Ungeduld birgt.
Wenn du an diesen Punkt kommst, helfen die ersten beiden Tipps schon einmal weiter.

Aber du kannst auch schon vorher dafür sorgen, besser mit deiner Ungeduld umzugehen: Überprüfe deine Erwartungen. In der Regel kommt es anders, als du es dir wünscht. In diesem Fall könntest du dir den Kaffee einfach mit einem geeigneten Becher auf die Autofahrt mitnehmen und so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Mehr oder weniger in Ruhe einen Kaffee trinken + zusätzlich mehr Zeit für deinen Weg, sodass ungeplante Ereignisse dir nicht mehr die Laune verderben können.

Lenke deinen Blick auf das Positive

Was ist das Positive an der Situation, in der du dich gerade befindest?

Nichts! Wirst du vielleicht erst einmal antworten. Und das ist nachvollziehbar. Aber es gibt definitiv auch Positives in der LKW-Situation:

  • Du kannst ungestört einen Podcast hören oder dein Lieblingslied in Endlosschleife.
  • Du sparst Sprit.
  • Du siehst mehr von der Landschaft.

Dankbarkeit (Tipp 2) und das Positive sehen gehen dabei Hand in Hand.

Da ich über Zeitmanagement schon im Zusammenhang mit deinen Erwartungen geschrieben habe, springen wir gleich zu Tipp Nummer 6.

Sei produktiv

Natürlich kannst du in der LKW-Situation keinen Text schreiben, kein Buch lesen usw. Wenn du aber in Situationen bist, in denen du genau das tun kannst, tu es.
In der Schlange an der Supermarktkasse kannst du eine Nachricht verschicken, einen Kommentar in sozialen Medien hinterlassen, nochmal überlegen, ob du auch wirklich alles im Einkaufswagen hast, was du brauchst…

Und wenn alles nichts hilft…

Bedenke, gerade als MaPa:

Ein Moment der Geduld kann eine große Katastrophe verhindern. Ein Moment der Ungeduld kann ein ganzes Leben ruinieren.

Chinesisches Sprichwort

Und ansonsten macht eine Tüte Marshmallows alles gleich viel fröhlicher…

Inspiration für diesen Artikel kommt hierher und hierher.

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