Jedes Kind hat das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. – Aber was ist Gewalt?

„Wer nicht hören will, muss fühlen.“

„Ich geb dir gleich welche!“

„So ein Klaps hat noch niemandem geschadet.“

Gewaltfreie Erziehung ist leider noch nicht in allen Köpfen verankert.

Ich bin ungefähr 5 oder 6 und bei einer Freundin zum Spielen.
Die Familie hat einen Hund und ich Angst vor ihm.
Meine Freundin will mir die Angst nehmen und übt mit mir, am Hund vorbeizugehen. Der bellt fürchterlich.
Ihre Mutter kommt, schreit und meine Freundin bekommt eine Tracht Prügel auf den Hintern. – Definitiv keine gewaltfreie Erziehung.

Ich erinnere mich auch gut 30 Jahre später noch an das Ereignis.
Und selbst als Kind wusste ich damals irgendwie: das war nur die berühmte Spitze des Eisberges.
Darüber gesprochen habe ich mit niemandem.
Zwar war ich nicht selbst den Schlägen ausgesetzt – irgendwas hat es aber dennoch mit mir gemacht.

Glücklicherweise ist gewaltfreie Erziehung heute im Gesetz festgeschrieben.

Damals, vor über 30 Jahren, war es jedoch nicht unüblich, Kinder zu schlagen. Im Gegenteil: es war sogar gesetzlich festgeschrieben: Das Züchtigungsrecht der Eltern.

Das Züchtigungsrecht

Der Vater kann kraft des Erziehungsrechts angemessene Zuchtmittel gegen das Kind anwenden.

§1631 Bürgerliches Gesetzbuch

(Hinweis: Dieser Paragraph existiert in dieser Form nicht mehr und beinhaltet heute das Verbot der Gewaltanwendung gegen Kinder! )

Bis 1958 war dieses Recht ausschließlich dem Vater vorbehalten, denn von Gleichberechtigung hielt man nichts. Im Zuge dieser durften dann ab 1958 aber auch die Mütter ihre Kinder züchtigen.

Dieses Recht steht für mich in krassem Missverhältnis zum Grundgesetz, in dem es heißt:

Jeder Mensch hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

Art. 2 Abs. 1 S. 1 Grundgesetz

Zwangsläufig muss man dadurch annehmen, dass Kinder grundsätzlich nicht als Menschen gesehen wurden. – Wie sonst konnte es legitimiert werden, dass die Eltern das Recht hatten, ihre Kinder zu schlagen?
Oder wurde es einfach so verdreht, dass schlagen so lange ok war, wie keine sichtbaren Folgen entstanden sind?
Der Artikel enthält für mich ganz klar auch das Gebot der gewaltfreien Erziehung.

Dass Kinder gezüchtigt werden durften – und mussten – ergab sich aus der christlichen Tradition. Es wurde angenommen, dass Kinder als Sünder geboren wurden. – Und diese Sünden – oder besser gesagt den Teufel – musste man ihnen austreiben. Deswegen wurden Regelverletzungen hart geahndet.

Formen der Körperstrafe

Eltern waren in der Wahl ihrer Mittel zur Züchtigung ihrer Kinder frei:
Teppichklopfer, Pantoffeln, Haushaltsgegenstände, Gürtel…

Und auch Lehrer durften bis in die 1970er Jahre Körperstrafen anwenden: mit Rohrstock, Lineal, an den Haaren / Ohren ziehen, Backpfeifen…

In einigen Teilen der Welt ist das auch heute noch Realität.
2017 erlangte das Video einer Mutter traurige Berühmtheit. Sie filmte, wie ihr 5-jähriger Sohn von der Schulleiterin und ihrer Stellvertreterin mit einem Holzscheit körperlich gezüchtigt wurde. In den USA. Legal.

Bis ins Jahr 2000 war es Eltern in Deutschland erlaubt, ihre Kinder körperlich zu bestrafen. Keine Spur von gewaltfreier Erziehung.
Und wieder die Frage: Wurden Kinder bis dahin nicht als Menschen angesehen?

In ihrer Rede „Niemals Gewalt“ machte Astrid Lindgren bei der Verleihung des Preises des deutschen Buchhandels bereits deutlich, wie wichtig es, dass Kinder gewaltfrei aufwachsen. Kurz danach wurde in Schweden – dem Heimatland der Kinderbuchautorin – die gewaltfreie Erziehung festgeschrieben. Das war 1978.
Gewaltfreie Erziehung in Deutschland ließ danach noch 22 Jahre (!) auf sich warten.

Kurzexkurs Kinderrechte

Wenn Politiker von AfD und CDU heutzutage vor das Parlament und damit vor die Welt treten und öffentlich verkünden, dass es keine Kinderrechte im Grundgesetz braucht, weil die Grundrechte für alle Menschen gelten, kann man sich dann darauf verlassen, dass Kinder auch tatsächlich als richtige, echte Menschen von ihnen angesehen werden?
Die Geschichte der Körperstrafen in der Kindererziehung deutet ganz klar auf die Antwort „Nein“.
Und die Frage ist und bleibt, was diese Menschen meinen zu verlieren, würde man Kinderrechte im Grundgesetz verankern.

Gewalt hat verschiedene Gesichter

Gewalt beschränkt sich nicht nur auf Körperstrafen, sondern muss viel breiter gesehen werden, um sie erfassen zu können.

Zum einen ist das, was wir als Gewalt ansehen, zunächst sozial konstruiert. Bis ins Jahr 2000 durften Eltern ihre Kinder schlagen – so lange sie nicht über die Stränge schlugen. – Dann wurde das Ganze nämlich als Misshandlung gewertet.
Auch die – heute zum Glück (oder hoffentlich?) – nicht mehr weit verbreitete Ansicht „Eine Tracht Prügel hat noch niemandem geschadet.“ beinhaltet, dass eine bestimmte Art der Gewaltanwendung ok ist. Und wenn es ok ist – und darüber hinaus ja auch nicht schadet, sondern – in einer verqueren Logik – sogar recht nützlich ist – muss die Gewaltinhärenz negiert werden.

All das gesagt, ist aber festzuhalten:

DER MENSCH MUSS NIE,
KANN ABER IMMER GEWALTSAM HANDELN.
ER MUSS NIE,
KANN ABER IMMER TÖTEN.

Heinrich Popitz (Soziologe)

Personale Gewalt

Personale Gewalt geht immer von einem (oder mehreren) TäterIn(nen) aus. Sie kann körperlicher, seelischer oder sexueller Natur sein.

Körperliche Gewalt

z.B. schlagen, schütteln, treten, stoßen, boxen, an den Haaren ziehen, prügeln (mit Fäusten oder Gegenständen), verbrennen, mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, Einsatz von Waffen jeglicher Art, Freiheitsberaubung, Vergewaltigung, Mordversuch, Mord

Seelische Gewalt

z.B. Beleidigungen, Erniedrigungen, Anschreien, Drohungen, Diskriminierungen, Einschüchterung, Ausgrenzung, Erpressung, Belästigung,, Angstmachen, Lächerlichmachen in der Öffentlichkeit, Stalking

  • Zusätzlich bei Kindern:
  • Ablehnung / Liebesentzug
  • Erzeugen von Schuldgefühlen
  • Befriedigung narzisstischer Bedürfnisse der Bezugspersonen (Partnerersatz; Erfüllen der Ideale und Wünsche der Bezugsperson)
  • Vernachlässigung
  • Mobbing
Sexuelle Gewalt

Von sexueller Gewalt spricht man immer dann, wenn sexuelle Handlungen für, mit oder vor jemandem erzwungen werden.

Strukturelle Gewalt

Strukturelle Gewalt zeigt sich in gesellschaftlichen Bedingungen,
z.B. wenn eine kinderunfreundliche Verkehrs- / Bauplanung umgesetzt werden, wenn Kinder nicht ausreichend an bestimmten Prozessen beteiligt werden bzw. wenn Kinderinteressen unberücksichtigt bleiben – sowohl in Politik als auch in Institutionen.

Aktive und passive Gewalt

Gewalt kann auf ganz unterschiedliche Arten erlebt werden: Zum einen, indem einer Person aktiv Gewalt angetan wird, zum anderen, indem eine Person – gewollt oder ungewollt – Gewalt mit ansehen muss.
Problematisch ist dann eben auch die Gewalt zu Hause, die Kinder zwangsläufig immer mitbekommen, auch wenn sie nicht direkt gegen sie, sondern gegen eine andere Person gerichtet ist. Auch das hat mit gewaltfreier Erziehung nichts zu tun.

Erleben Kinder zu Hause Gewalt, weil sie sie mit ansehen müssen, kann das – genau wie direkt an ihnen ausgeübte Gewalt – Folgen haben. Sie fühlen sich macht- und hilflos, schämen sich für die Vorgänge zu Hause und trauen sich oft nicht, mit Außenstehenden darüber zu sprechen. Zusätzlich werden sie selbst ebenfalls mit größerer Wahrscheinlichkeit gewalttätig, denn – das kann gar nicht oft genug betont werden – Kinder lernen am Modell. Wenn das Schlagen anderer in ihrem Zuhause als Norm angesehen wird, übernehmen sie das und sehen es als legitimes Kommunikationsmittel an.
Ein Grund mehr, weshalb ausnahmslos jedes Kind eine gewaltfreie Erziehung genießen sollte.
Und sogar noch mehr: Jedes Kind hat das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Das kann gar nicht oft genug betont werden.
Aber nicht jedem Kind wird das Ideal einer gewaltfreien Erziehung zuteil. Dann ist es umso wichtiger, dass andere Menschen sich für dieses Kind einsetzen und ihm Hilfe organisieren.

Wo bekomme ich Hilfe?

Du bist selbst von Gewalt betroffen? Oder hast du den Verdacht, dass eine dir bekannte Person von Gewalt betroffen ist? Bist dir aber unsicher, was du tun kannst?
Es gibt verschiedene Anlaufstellen, an die du dich – auch anonym – wenden kannst. Eine kleine Auswahl liste ich dir hier auf.

www.nummergegenkummer.de
Tel.: 116 111
Mo-Sa 14-20 Uhr und
Mo, Mi, Do 10-12 Uhr

www.gewalt-ist-nie-ok.de
Kindernotdienst
030 – 61 00 61
Jugendnotdienst
030 – 61 00 62
Mädchennotdienst
030 – 61 00 63
Nummer gegen Kummer
0800 – 111 0 333
Hotline Kinderschutz
030 61 00 66

Hilfeportal sexueller Missbrauch
Tel.: 0800 / 22 55 530

www.hilfetelfon.de
Tel.: 0800 / 116 016

www.frauenhauskoordinierung.de

Bundesarbeitsgemeinschaft Tätergewalt
Tel.: 0162 / 139 84 43
Mo + Mi: 10-12 Uhr
Di: 14-17 Uhr

Anmerkung
Die oben beschriebenen Formen und Arten von Gewalt sind keineswegs vollständig.
Weitere Quellen
www.gewaltinfo.at
www.vbg.de
Arbeitskreis Neue Erziehung e.V. Extrabrief

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