Mama sein – Vorbild sein

Ich gebe zu – auch wenn es in der Pädagogik heutzutage eher verpönt ist – ich bin ein Fan vom Lernen am Modell.
Für mich ist das einfach total einleuchtend und die Ausgangsbasis für das weitere Lernen.

Ich beobachte jemanden dabei, wie er etwas auf eine bestimmte Art tut. Dann mache ich nach. Und DANN entwickle ich meine eigene Technik, mache etwas Neues daraus – oder lasse alles, wie es ist. – Meine Entscheidung.

Egal, ob im Kleinkindalter, im Schulalter, im Studium…
Der Prozess des Beobachtens kann dabei mal eher lang, mal eher kurz sein. Das Nachmachen stattfinden oder nicht. Der Schritt zum Selbstentwickeln schnell oder langsam kommen.

Babys lernen nicht anders: sie beobachten, bewerten, machen nach, probieren Neues.

Mitgehangen, mitgefangen: Mama sein Vorbild sein

Tja… Und dann stehst du da. Bist vor kurzem (oder längerem) Mama geworden. Hast dich mit all den neuen Herausforderungen auseinandergesetzt.
Und irgendwann – früher oder später – wirst du auf dich selbst zurückgeworfen. Musst dich fragen, was du deinem Kind mitgeben willst.

Natürlich, die groben Werte wusstest du schon vor der Geburt. Abstrakt war dir das alles total klar.

Aber jetzt geht’s an’s Eingemachte. An das, was du vielleicht schon gar nicht mehr wahrnimmst. An automatisierte Verhaltensweisen. An die Dinge, die sich jahrelang eingeschliffen haben, von denen du aber eigentlich nicht willst, dass dein Kind sie übernimmt.
Jetzt geht’s zur Sache.

Du. Bist. Vorbild.

Und zwar ein ganz großes. So richtig groß. Ein Vorbild, das wie ein Zeppelin am Himmel schwebt und die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Willkommen Mama, zu deiner lebenslangen Challenge.

Plötzlich Vorbild

Schon bevor ich Mama geworden bin, ist mir persönlich aufgefallen, wie häufig Menschen im normalen Alltag völlig vergessen, dass sie Vorbild sind.

Der Straßenverkehr ist dafür ein sehr schönes Beispiel – Stichwort rote Ampel.
Oder Feiern, auf denen sich Erwachsene im Beisein von Kindern über das Maß „einen genehmigen“.
Oder auch rauchende Eltern, die – am besten mit Zigarette in der Hand – ihrem Nachwuchs einimpfen, ja nie zu rauchen. Und Strafen verhängen, tut es selbiger doch. – Gleiches gilt für Alkohol.

Wir alle – unabhängig davon, ob wir Eltern sind oder nicht – sind Vorbild. Gute oder schlechte Vorbilder.
Aber immer, wirklich immer Vorbilder.

Entscheide, ob du gut oder schlecht sein willst

Ich gebe zu: Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß. Das Leben hat etliche Grauzonen.
Und das ist ganz schön gut!

In einer Serie, die Anfang der 2000er Jahre hier in Deutschland im Fernsehen lief, gab es eine Episode, in der die Welt tatsächlich nur schwarz und weiß war. Und wenn jemand etwas „Schlechtes“ tat, wurde er mit einem Lächeln umgebracht.

Keine schöne Vorstellung.

Kalkulierte Grauzonen

Natürlich möchten wir als Mama ein gutes Vorbild sein. Am liebsten immer. Rund um die Uhr. – Jedenfalls gehe ich mal ganz pauschal davon aus.

Ein 24/7 gutes Vorbild erzeugt aber meiner Meinung nach immensen Druck auf uns Mütter. Wer ist schon perfekt?
Und wenn du diesem Anspruch nicht genügst, bist du dann eine schlechte Mutter?

Die Schuldgefühle-Spirale tut sich auf und wenn du nicht aufpasst, ertrinkst du drin.
Und das tut ganz sicher niemandem gut.

Also was? Einfach weiter machen und nicht drüber nachdenken?

Auf gar keinen Fall!

Welche „schlechten“ Eigenschaften und Verhaltensweisen lebst du deinem Kind vor?

Ich nenne es „kalkulierte Grauzonen“: Überleg dir, welches Verhalten „man“ seinen Kindern nicht zeigen sollte oder du deinen Kindern eigentlich nicht zeigen willst.

  • Fluchst du, wenn etwas Blödes passiert?
  • Snackst du gerne?
  • Isst du gerne Junkfood?
  • Guckst du gerne stundenlang Serien?
  • <fill in your „bad habit“>
Diese Fragen solltest du dir als Vorbild stellen

Und dann stell dir folgende Fragen:

  • Wie geht es dir ganz persönlich mit deinem Verhalten? Stört es dich?
  • Ist es wirklich so schlimm?
  • Erwartet die Gesellschaft / ein Familienmitglied oder erwartest du, dass dein Kind das nicht tut?
  • Hätte dein Kind durch dieses Verhalten potentiell Nachteile im weiteren Leben?
Alles halb so wild – oder doch nicht?

Und dann werte deine Antworten aus.
In vielen Fällen wirst du wahrscheinlich zu dem Schluss kommen:

Die Gesellschaft erwartet, dass mein Kind besser ist als ich bzw. die Summe aller Erwachsenen.

Und ich sage dir: In diesem Fall kannst du getrost ganz locker bleiben.

Dazu fällt mir das folgende Beispiel ein:

Das Wort „Scheiße“ oder auch „Shit“ ist mittlerweile quasi in aller Munde und in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen. Vielleicht verwendest du es auch – bewusst oder unbewusst.
Ein Kind hört also immer wieder Erwachsene dieses Wort benutzen. Und baut es selbst in seinen Alltag ein.

Aber! Erhobener Zeigefinger!
Das sagt MAN nicht!!!!
Und: „Das sagt man nicht“ bekommt das Kind immer wieder zu hören, wenn es dieses Wort benutzt.

Paradox? Ja. Absolut.

Warum? Weil erwartet wird, dass Kinder auf wundersame Weise ein Werte- und Normen-System aus dem luftleeren Raum entwickeln, dieses umsetzen und besser als Erwachsene sind.

Und genau hier kann man, finde ich, die Gesellschaft Gesellschaft, das „man“ „man“ sein lassen und sich entspannen.

Vielleicht kommst du aber auch zu dem Schluss: Dich stört dein Verhalten selbst, du würdest es gerne ablegen und möchtest unter keinen Umständen, dass dein Kind es übernimmt.

Und jetzt?

Eins vorweg – du wirst es sicher schon wissen – es ist unheimlich schwer, Gewohnheiten abzulegen. Warum?

Warum es so schwer fällt, Gewohnheiten zu ändern oder abzulegen

Ganz einfach: Auch wenn wir uns dagegen wehren: Es bedeutet eine enorme Entlastung für uns und unseren Alltag, denn wir müssen weniger Entscheidungen treffen. Gewohnheiten sind Automatismen, die kaum Kapazitäten benötigen – die wir an anderer Stelle dringend brauchen.

Irgendwann mal hast du gemerkt, dass du in bestimmten Situationen ein bestimmtes Verhalten benötigst, um ein Belohnungsgefühl zu haben.
Vielleicht greifst du, wenn du Stress hast, gerne zu einem kleinen Schokoriegel und fühlst dich, nachdem du ihn gegessen hast, gleich ein wenig entspannter.
Diese Handlung hast du mittlerweile so oft vorgenommen, dass sie dir „in Fleisch und Blut“ übergegangen ist.
Ertappst du dich manchmal dabei, wie du plötzlich einen Riegel in der Hand hast und dich fragst, wo der jetzt herkommt? – Schönen Gruß von deinem Hirn, das auf Autopilot geschaltet hat.

Blöd. Und jetzt? Musst du dich dem einfach hilflos ergeben?

Nein! Natürlich nicht. Es ist nur waaaaahnsinnig anstrengend, das abzustellen.

Und da kommt dein Einsatz als Vorbild ins Spiel.

Sei Vorbild beim Ablegen schlechter Gewohnheiten!

Echt jetzt? Weiter oben schreibt sie noch davon, dass man sich entspannen soll und jetzt doch so ein Druck?

Nein, kein Druck. Kein Stress. Sei nachsichtig mit dir selbst.
Aber erinnere dich auch: Dich selbst stört diese Angewohnheit und du möchtest nicht, dass es deinem Kind genauso geht.

Mach dir zunächst klar, was der Auslöser für deine Gewohnheit ist. In welcher Stimmung bist du, wenn du die Gewohnheit ausführst?
Hast du Stress? Bist du Traurig? Bist du überfordert? Oder vielleicht wütend?

Im zweiten Schritt überlegst du dir, ob und wie du die „schlechte“ Gewohnheit durch eine gute ersetzen kannst.

Für das Schokoriegel-Beispiel könnte das folgendermaßen aussehen:
Du bist gestresst, hast aber gerade keine Zeit, runterzufahren, Pause zu machen. Also greifst du zum Schokoriegel Obst / springst 20x Springseil / …

Schön, wenn das so einfach ist – mal los…

Tut mir leid – ist es nicht… KANN aber funktionieren.

Und jetzt?

Binde dein Kind ein

Kinder sind ganz wunderbare, aufmerksame Beobachter. Und (kleine) Kinder sind oftmals sehr stark an der Einhaltung von Regeln und Abmachungen interessiert. Sie fordern sie ein.

Also nutz das doch.

Erklär deinem Kind die Situation. So, dass es sie versteht. Und erklär auch – kindgerecht – warum es ein Problem für dich ist und was du gerne ändern würdest.
Wahrscheinlich wird dein Kind beim nächsten Einkauf, wenn du gedankenverloren die Schokoriegel in den Einkaufswagen legen willst, laut sagen: „Aber Mama, die willst du doch nicht mehr!“
Oder, wenn du dabei bist, dir gerade zu Hause einen Riegel aus der Packung zu nehmen: „Mama! Du hast gesagt, du willst keine Schokolade, sondern lieber mit mir Seilspringen!“

So schlägst du dann zwei Fliegen mit einer Klappe: Du änderst deine Gewohnheit und dein Kind erfährt, WIE man das machen kann. Und hilft dir ordentlich dabei.

Jetzt bist du schon seit zwei Wochen am Ball, auch stolz auf dich, dass du bisher durchgehalten hast, aber es fällt dir so waaaahnsinnig schwer… Wäre es nicht leichter, einfach aufzugeben? Es ist doch sowieso schon alles anstrengend genug – und diese Änderung erfordert so viel zusätzliche Kraft, die du eigentlich irgendwie nicht hast…

Deine Entscheidung.
Nur eine Info: Die Änderung einer Gewohnheit kann 18 bis 254 Tage dauern – im Schnitt sind es gut zwei Monate.
Du weißt also nicht, ob du nicht ganz kurz vor deinem Ziel stehst.

Sieht doch keiner

Und dann gibt es ja noch die kleinen, alltäglichen Dinge, die wir aus schierer Faulheit oder Ignoranz tun.

  • Die Ampel ist zwar rot, aber es kommt kein Auto: schnell rüber.
  • Familienfahrrad-Tour, aber nur die Kinder tragen einen Helm.
  • Sonntags auf der Landstraße. Nichts los, alles frei. – Das Auto kann auch schneller als 100 fahren.
  • Die Schule ist aus, Papa will schnell weiter. Das Kind kann ruhig eben schnell auf dem Zebrastreifen ins Auto springen.
  • Mama ist beim Auskramen des Portemonnaies ein Bonbonpapier auf die Straße gefallen. Aber Lust, es wieder aufzuheben und bei nächster Gelegenheit wegzuschmeißen, hat sie nicht. Also bleibt es liegen.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Gemeinsam ist fast allen Beispielen: Sie können so gefährlich für das eigene oder fremde Kinder werden.
Und das nur, weil ein Erwachsener zu faul ist, den sprichwörtlichen Schritt mehr zu gehen. Weil er keine Lust hat, sich seiner Vorbild-Funktion bewusst zu sein. Weil es ihm schlicht schnurzpiepegal ist, was ein Kind daraus macht.

Hier hilft nur: Verantwortung übernehmen.
Verantwortung dafür, dass gerade in solchen Situationen die Erwachsenen „besser“ als die Kinder sein sollten. – Und nicht umgekehrt.

Und jetzt du

Wie erlebst du dich als Mama in der Vorbild-Rolle? Fällt es dir schwer, deinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden? Hast du DEN ultimativen Tipp für andere Mamis?
Dann immer her damit!

Hab es fein, liebe Mami!

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Eine Antwort

  1. 16. Juli 2020

    […] geschuldet unseren modernen Lebensumständen.Und gleichzeitig – und da wären wir wieder beim Lernen am Modell – fehlen hier oder da auch […]

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