4 Gründe, warum du dir dein Mami-Ich nicht vollständig aussuchen kannst

Bevor ich Mama wurde, hatte ich eine ziemliche klare Vorstellung davon, wie mein Mami-Ich sein sollte – und wie auf gar keinen Fall.
Kennst du das auch?
Hattest du vielleicht auch eine abgehobene Idee von einer Super-Mutti?
Hast du Ratgeber gelesen und dir ein Bild gebastelt, wie du unbedingt sein musst?

Keine Super-Mutti

Ich bin NICHT die Super-Mutti aus meinen Vorstellungen geworden.
War ich zu bequem? Zu inkonsequent mit mir selbst? Gar faul?
Können wir heutzutage nicht alles schaffen? Wird uns das nicht an jeder Ecke entgegen geschrien? „DU KANNST SEIN, WAS DU WILLST!!!! DU MUSST ES NUR WIRKLICH, WIRKLICH WOLLEN!!!“

Ironie an: Ok. Ich wollte es also nicht genug. Wollte nicht genug die beste Mutter für mein Kind sein, die es gibt. Mein Wille war zu schwach. Ironie aus.

Falls es dir genauso geht oder ging oder auch, falls du dir gerade dein ganz eigenes Super-Mutti-Bild bastelst, möchte ich dir ein paar Dinge mit auf den Weg geben, die dich in deinem Mami-Sein immer beeinflussen werden. Egal, auf welche Weise. Und egal, ob du es willst oder nicht.

1. Grund: Dein Mami-Ich und die Erwartungshaltungen der Gesellschaft

Ja. „Die Gesellschaft“.
Gesellschafts-Bashing kommt immer gut. – Ist ja schließlich eine irgendwie graue Masse, die man nicht so genau greifen kann. Irgendwie ein bisschen schwabbelig, verwoben und diffus.

Geben wir dem Begriff Gesellschaft mal eine Basis:

G. ist eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche Formen zusammenlebender Gemeinschaften von Menschen, deren Verhältnis zueinander durch Normen, Konventionen und Gesetze bestimmt ist

https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/17556/gesellschaft

Nehmen wir Deutschland als Bezugsrahmen, haben wir hier also eine Gesellschaft, die durch Normen, Konventionen und Gesetze bestimmt ist.
Gesetze sind ziemlich einfach: All die Gesetze, die hier in Deutschland gelten – angefangen vom Verbot seine Kinder zu schlagen oder bei Rot über die Ampel zu fahren bis hin zum Verbot des Mordens.

Bei Normen und Konventionen wird es schon ein wenig schwieriger.
Vielleicht lässt es sich mit einem kurzen Vergleich gut fassen:

In Südkorea beispielsweise ist es jungen Paaren nicht gestattet, vor der Hochzeit zusammenzuleben. Bei uns ist es Gang und Gebe.
In den 50er Jahren galt in Deutschland die „Hausfrauen-Ehe“ als „das Normale“ – heute ist eher das Gegenteil der Fall (obwohl die Verkrusteten Strukturen von damals Familien heutzutage noch belasten).
Bis zur derzeitigen Krise gab man sich hier bei uns zur Begrüßung die Hand.
In Südkorea verbeugt man sich oder winkt sich zu.

Wahrscheinlich hast du jetzt schon einen ganz guten Eindruck von Normen und Konventionen.
Und genau davon sind wir alle so viel stärker beeinflusst, als wir uns das gerne eingestehen würden. Das lässt sich auch nicht so einfach von heute auf morgen abschütteln. Das sitzt wirklich tief in uns drinnen.

Was bedeutet das für uns als Mamas?

Ob du es willst oder nicht: die Gesellschaft ist immer auch ein Teil von dir.
Klingt hart?
Du meinst, das ist gar nicht so?

Doch. Auf die ein oder andere Weise verinnerlichst du die gesellschaftlichen Normen und Konventionen. Das kann entweder positiv, neutral oder negativ sein.
Du kannst sie also vollkommen annehmen oder sie vollständig ablehnen. Oder du verhältst dich ihnen gegenüber neutral, wertest sie also weder zu hoch noch gar nicht. Einige übernimmst du, andere lässt du links liegen.
Was auch immer du mit ihnen tust: sie sind ein Teil von dir. Sie beeinflussen dich.
Und dagegen kannst du dich auch gar nicht wehren.

Was du aber ganz sicher kannst: dir neue Gewohnheiten zulegen. Dich und dein Denken öffnen. Durchlässiger werden für neue, vielleicht auch ungewohnte Ideen.
Und das alles mit einfließen lassen in dein Sein.

2. Grund: Dein Mami-Ich und die lieben Traditionen

Auch Traditionen beeinflussen uns in unserem Tun.
Traditionell wird in Deutschland Weihnachten gefeiert. Und Ostern.
Ganz traditionell geht man an diesen Festen in die Kirche.
Und noch traditioneller lässt man sich dort jeden Sonntag blicken.

Traditionen sind Handlungs- oder Verhaltensweisen, die über Generationen weitergegeben werden.

Wie steht es mit dir? Feierst du Weihnachten und Ostern? Besuchst du an diesen Tagen vielleicht die Kirche mit deiner Familie? Oder geht ihr jeden Sonntag in die Kirche?

Natürlich finden sich auch in anderen Bereichen Traditionen. Gerade in der Kindererziehung gibt es einiges.
Von 1896 bis November 2000 (!!!!!) durften Eltern ihre Kinder per Gesetz noch „körperlich züchtigen“. Unfassbar, dass diese „Tradition“ so lange Bestand hatte…
Mittlerweile steht Kindern eine gewaltfreie Erziehung zu.

Auch autoritäre Erziehungsstile zähle ich mit zu den Traditionen. Viele unserer Großeltern sind in einer Zeit von Befehl und Gehorsam aufgewachsen. Und das haben sie weitergegeben.

Dass nun heutzutage vermehrt Eltern beginnen, sich gegen diese Traditon zu stellen, Kinder als echte Menschen anzusehen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, stößt dabei oft auf Unverständnis.
„Uns hat es doch auch nicht geschadet.“

Doch. Hat es. Auf irgendeine Art und Weise hat es das.

Und es ist gut, dass wir mit bestimmten Traditionen brechen.

Aber hast du dich schon mal dabei ertappt, zurückzufallen? Es genau so zu machen wie deine Eltern / Großeltern und wie du es eigentlich niemals wolltest? Wenn auch nur für einen kurzen Augenblick?

Auch Traditionen schütteln wir nicht einfach mal so ab. Aber wir können daran arbeiten, sie entweder liebevoll in unseren Alltag zu integrieren oder sie außen vor zu lassen.
Dazu müssen wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Uns fragen, welche positiven oder negativen Dinge sie in unserem Leben bewirken. Und sie dann ggf. auch mal ziehen lassen.

3. Grund: Dein Mami-Ich und die Erwartungshaltungen von Familie und Freunden

Am schwierigsten ist es wohl, mit den Erwartungshaltungen von Familie und Freunden umzugehen.
In den meisten Fällen ist uns die Familie nah. Und auch Freunde begleiten uns vielfach schon viele Jahre. In der Regel wollen wir sie nicht enttäuschen.
Doch gerade was Kinder betrifft, können hier die größten Konflikte entstehen. Angefangen bei der Persönlichkeit jedes einzelnen bis hin zu den Vorstellungen davon, wie Kinder „zu sein haben“.

Gerade als Erstmama ist es manchmal schwierig, sich hier gut zu positionieren. Und so unterlässt man es vielleicht an der ein oder anderen Stelle einzugreifen – „um des lieben Friedens Willen“.

Allerdings sehe ich es so, dass es hier am leichtesten ist, etwas zu ändern.
Mit ein bisschen Mut kannst du in diesem Bereich deinem Mama-Ideal am nächsten kommen.

Das will ich nicht

Stellen wir uns mal folgende Situation vor:
Sonntagnachmittag. Kaffetrinken bei Oma und Opa. Eine gemütliche und entspannte Runde.
Und plötzlich hätte Oma gerne ein Küsschen von ihrem Enkel. Der will aber nicht. Sie nimmt ihn, zieht ihn an sich ran, sagt „Ach, komm her“ und drückt ihm einen Kuss – im besten Fall – auf die Wange.

Als Mutter sitzt du daneben und ärgerst dich. Weil die Grenzen deines Kindes so respektlos überschritten wurden. Weil du dich daran erinnerst, wie auch du in deiner Kindheit ständig Küsschen gegen deinen Willen verteilen musstest – nur weil die Erwachsenen es gerade so wollten. Weil du darauf achtest, deinen Sohn als richtigen Menschen mit Grenzen, Bedürfnissen und Wünschen anzuerkennen. Und – ja – auch weil das gerade ein Akt der körperlichen Gewalt war – wenn auch ohne blaue Flecken oder gebrochene Knochen.

Wahrscheinlich wurde und wird auch immer wieder über deine Grenzen hinweggegangen und du denkst dir deinen Teil, freust dich darauf, bald wieder zu Hause zu sein.

Aber hier geht es um dein Kind. Hier geht es darum, dass DU diejenige bist, die weiß, was ihm gut tut – und was nicht.

Du bist die Expertin für dein Kind

Lass dir gesagt sein: DU bist die Expertin für dein Kind. Natürlich freut sich jede Mama, wenn ihr Kind – insbesondere von Verwandten – geliebt wird. Das gibt ihnen aber an keiner Stelle das Recht, sich über die Grenzen deines Kindes oder deine eigenen hinwegzusetzen.

Und genau deshalb hast du in solchen Situationen unmittelbar die Möglichkeit, zu reagieren und unerwünschtes Verhalten zu unterbinden.
Wenn du dir bisher viel hast gefallen lassen, wird dein Eingreifen vermutlich zunächst mal als Angriff verstanden – oder abgetan. Lass dich davon aber nicht beirren. – Andere Menschen möchten, dass du in ihr Bild von ihnen passt. Warum? Weil das am einfachsten und bequemsten für sie ist. Weil sie wissen, woran sie sind. Sie wollen nicht, dass du dich veränderst.
Aber: Sie werden sich daran gewöhnen.
Und deshalb ist es auch gar nicht schlimm, mit deinen Forderungen und Eingriffen erstmal auf wenig Gegenliebe und großes Unverständnis zu stoßen.

Eine grundsätzliche Reaktionsmöglichkeiten

Wie könntest du am besten reagieren?
Das ist natürlich immer ganz individuell. Es gibt so viele Faktoren, die Zwischenmenschliches beeinflussen, so viele Persönlichkeitsausprägungen, die etwas verkomplizieren können. Und doch gibt es eine ganz grundsätzliche Möglichkeit.

Beobachtung, Benennung, Wunsch, Rückversicherung

Sprich direkt an, was du beobachtet hast und benenne, wie du die Situation erlebt hast. Zum Beispiel so:

Beobachtung:
„Mama, ich habe gerade beobachtet, dass du gerne ein Küsschen von Karl wolltest. Er wollte aber kein Küsschen geben. Da hast du ihn einfach genommen und ihm gegen seinen Willen eines gegeben.“

Benennen deines Erlebens:
„Ich habe das gerade erlebt wie in meiner Kindheit: Ich musste immer allen Leuten ein Küsschen geben, ob ich wollte oder nicht. Das habe ich als eklig empfunden.“

Mitteilen deines Wunsches:
„Ich wünsche mir, dass mein Sohn das nicht erleben muss. Ich will, dass er selber entscheiden kann, ob er jemandem einen Kuss gibt oder nicht. Und ich möchte vor allem, dass sein Nein akzeptiert wird.“

Rückversicherung:
„Hast du verstanden, dass ich möchte, dass die Grenzen meines Sohnes respektiert werden? Denkst du, dass du das in Zukunft berücksichtigen kannst?“

Natürlich kannst du auch ganz undiplomatisch vorgehen, den Spiegel vorhalten oder dein Kind nehmen und gehen. Jede der Möglichkeiten kann richtig sein. Es kommt ganz einfach auf das Personengefüge und die Situation an.
Es gibt keinen Königsweg.
Aber hier ist die Stellschraube, an der du ganz viel drehen kannst.

4. Grund: Dein Mami-Ich und deine eigenen Erwartungen

Und schließlich sind da ja noch die eigenen Erwartungen, die sich – spätestens im Verlauf der Schwangerschaft – aufbauen. Du unterliegst so vielen Einflüssen, dass du gar nicht anders kannst, als dich mit deinem eigenen Mamabild zu beschäftigen, als dir ein Ideal zu bauen, dem du so gerne entsprechen möchtest.
Um jedoch wirklich ein realitätsnahes Mamabild bauen zu können, musst du zunächst einmal dich selbst in- und auswendig kennen. Und als ersten Schritt akzeptieren, was ist.

Klingt leicht? Das mag es für einige sein – für andere ist es schwer.
Du wünscht dir schon weit Ewigkeiten, so richtig aktiv zu sein, immer unterwegs – Sport, Freunde treffen, Unternehmungen… ? Das hast du bei anderen gesehen und findest es vielleicht toll.
Und jede Woche wieder stellst du fest, dass du entweder

  • a) total ausgelaugt bist und das Wochenende zum Schlafen brauchst,
  • b) deine Wochenenden so vollgepackt sind, dass du völlig erschöpft in die neue Woche startest oder du
  • c) nichts von dem geschafft hast, was du schaffen wolltest und dich jetzt über dich selbst ärgerst.

Ganz offensichtlich ignorierst du also dein Bedürfnis nach Ruhe, Leerlauf, Nichtstun.
Und genau so kann es auch sein, dass du deine Bedürfnisse beim Bauen deines Mama-Ideals außen vorlässt. – Frustration und Enttäuschung sind dann vorprogrammiert.
Der erste Schritt ist es also, dich selbst zu kennen. Und dann zu überlegen, wie du als Mutter sein könntest, Wege zu finden, wie deine Bedürfnisse nicht unberücksichtigt bleiben. Denn nichts ist schlimmer für ein Kind, als eine Mama, die sich selbst ignoriert und irgendwann zu ausgelaugt ist, um überhaupt noch Mama sein zu können.

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