Warum es sich nicht lohnt, als Mama dogmatisch zu sein

Dogmen und Glaubenssätze

Dogma, das

a) verbindliche, normative Glaubensaussage

b) den Anspruch der absoluten Gültigkeit, Wahrheit erhebende Aussage, Lehrmeinung

Synonym: Glaubenssatz

Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/Dogma

Ein Dogma ist etwas, das als absolut angesehen wird. Es ist unumstößlich und immer wahr. – Jedenfalls in der Wahrnehmung desjenigen, der sich diesem Dogma verschrieben hat.
Dogmen gibt es dabei nicht nur innerhalb der Kirche (Definition a), sondern auch ganz allgemein im Leben von vielen Menschen – angefangen in der Wissenschaft und noch lange nicht halt machend vorm Fischer auf hoher See (Definition b).

Über Glaubenssätze habe ich bereits hier schon geschrieben. Dogmen sind ebenfalls Glaubenssätze. ABER: Sie werden als unumstößlich angesehen. Als etwas, von dem man nicht abweichen kann / darf / soll…

Ich persönlich unterscheide zwischen Glaubenssätzen und Dogmen folgendermaßen:

Glaubenssätze sind…
– unterbewusst verankert (und somit – erstmal – demjenigen, der sie hat, nicht bewusst).
– nicht direkt zugänglich.

Dogmen sind…
– eher bewusst.
– selbst erarbeitet (z.B. in Auseinandersetzung mit einem Thema, Annahme verschiedener Theorien und Ausblendung von Alternativen. Das kann selbstverständlich auch unterbewusst geschehen.)

Genauso wie Glaubenssätze können aber auch Dogmen das Leben der Person erschweren, die diese für sich angenommen hat. Dazu unten mehr.

Gerade Mütter – insbesondere Neu-Mütter – haben oftmals ein Bild im Kopf, wie eine (perfekte) Mutter zu sein hat. – Angefangen vom eigenen Aussehen und Kleidungsstil, über den Kleidungsstil und das Aussehen der eigenen Kinder, ihrem Verhalten bis hin zum Haushalt und Wohnstil.

Der „Perfekte-Mama-Tag“

Kleiner Sneak Peak gefällig?

Beeinflusst von Instagram und Co. sieht ein perfekter Mama-Tag und das perfekte Mama-Sein so aus:

  • 7:00 Uhr
    Mama wacht auf, hat Zeit, sich in Ruhe zu duschen und zu stylen.
  • 8:00 Uhr
    Das Kind wird wach, wird in Ruhe und ohne Komplikationen gewaschen / gebadet, gewickelt und – selbstverständlich – gestillt.
  • 8:30 Uhr
    Mama hat Zeit für ein Frühstück in Ruhe und eine große Tasse Milchkaffee, weil das Kind sofort wieder eingeschlafen ist.
  • 9:00 Uhr
    Mama und Kind machen sich auf den Weg zur Krabbelgruppe / zum PEKiP-Kurs / zum Mama-Frühstück / auf den Spielplatz. Alle sind dabei glücklich und keineswegs gestresst. Das Kind macht alles brav mit und muss zwischendurch lediglich kurz gestillt werden.
    Mama ist mega entspannt.
  • 12:00 Uhr
    Mama und Kind sind wieder zu Hause. Mama hat am Abend zuvor frisch, bio und regional vorgekocht und kann jetzt essen und ggf. stillen.
  • 13:00 Uhr
    Das Kind macht Mittagsschlaf. Im eigenen Bett oder bei einem Spaziergang – natürlich nur in der Trage.
  • 14:00 Uhr
    Mama hat Zeit, sich mit Freundinnen im Cafe zu treffen und vielleicht auch ein wenig zu shoppen.
  • 17:00 Uhr
    Papa ist zu Hause, Mama macht sich an den Haushalt: Wäsche, Küche, etc.
  • 18:00 Uhr
    Gemeinsames Abendessen (zwischendurch selbstverständlich immer wieder stillen).
  • 19:00 Uhr
    Das Abendritual wird eingeleitet und das Kind schläft friedlich – natürlich im Familienbett – ein.
  • 20:00 Uhr
    Paarzeit

    Von den Routinen wird nicht abgewichen, weil
    – sie so wichtig für das Kind sind!
  • Bio, regional und frisch zu kochen gehört sich für eine gute Mutter.
  • Stillen ist das einzig Beste für das Kind. Alles andere verursacht Allergien etc. Außerdem ist Stillen das Natürlichste auf der Welt. Wer nicht stillen kann, macht etwas falsch. Darüber hinaus fehlt ohne das Stillen ein enorm wichtiger Teil für den Bindungsaufbau zwischen Mutter und Kind.
  • Tragen ist ein weiterer großer Baustein für die Bindung. Im Kinderwagen wäre das Kind viel zu weit weg und ein Bindungsaufbau nicht möglich. Außerdem lindert Tragen so viele Beschwerden (z.B. das Bauchweh der ersten Monate, Fieber usw.).
  • Der dritte wichtige Bindungsbaustein ist das Familienbett. Ein Kind im eigenen Zimmer schlafen zu lassen, ist gegen die Natur.
  • Gemeinsam zu essen ist so wichtig, weil dadurch das Zusammenleben gestärkt wird, die Kinder besser lernen zu essen und sich als wertvoller Teil der Familie fühlen. Selbstverständlich wird vom Tisch mitgegessen, sobald das möglich ist. Brei kommt gar nicht erst in den Kochtopf.

    Und darüber hinaus:
  • Das Kind wird ausschließlich homöopathisch behandelt, um den kleinen Körper nicht zu überfordern und rein zu halten.
  • Süßigkeiten / Zucker gibt es nicht…

Die Liste ließe sich noch ewig fortsetzen. Leider!
Denn diese ganzen Dogmen nützen letzlich niemandem. – Im Gegenteil…

Das Schnürkorsett aus Dogmen

Dogmen – gerade im Mama-Sein und -Alltag führen dazu, dass wir uns ein – vielleicht – viel zu enges Korsett umschnüren, in dem wir im schlechtesten Fall irgendwann nicht mehr atmen können und in Ohnmacht fallen. Dogmen erzeugen Ansprüche an uns selbst, die wir vielleicht nur bis zu einem gewissen Punkt erfüllen können. – Alles über diesen Punkt hinaus wird zur Last und trägt dazu bei, dass wir uns schlecht fühlen, weil wir sie nicht umsetzen konnten.

Und zusätzlich:
Mama bist du nicht von heute auf morgen. Mama-Sein ist auch kein starres Konstrukt das, einmal erstellt, nie wieder veränderbar ist.
Mama-Sein heißt lernen, wachsen, vorwärts gehen, Rückschritte machen, sich selbst reflektieren, Neues ausprobieren, Altes verwerfen, Ratschläge umsetzen, eigene Ideen einbringen und – nicht zuletzt – mit seinem Kind interagieren, es wertschätzen, ihm in seinem So-Sein begegnen, von ihm lernen, mit ihm wachsen.

Nimmt man das alles ernst und lässt sich darauf ein, wird mehr als deutlich, dass sich das mit Dogmen in keiner Weise vereinbaren lässt.

Das Still-Dogma

Vielleicht nimmst du dir in deiner Schwangerschaft vor, unbedingt zu stillen. Du informierst dich ausgiebig darüber in Ratgebern, auf Social Media und im Bekanntenkreis. Der Tenor ist klar: Stillen ist das Beste für dein Kind, das Natürlichste auf der Welt und wenn es nicht funktioniert, machst du irgendwas falsch. Im Prinzip: Du musst es nur wollen, dann klappt es auch. – Und außerdem: die Bindung!!!! Ohne stillen keine Bindung.
Wer nicht stillt, liebt sein Kind nicht genug, ist egoistisch usw.

Und dann liegt dieses kleine Bündel in deinen Armen. Du legst an und es trinkt. – Wunderbar! Im Laufe der ersten Woche werden deine Brustwarzen wund und blutig. Vor jedem Anlegen hast du Angst. Dein Kind will gefühlt IMMER an die Brust. – Einen Schnuller lehnst du ab, denn: der ist nicht natürlich. Natürlich ist es, dass das Kind sein Saugbedürfnis an deiner Brust befriedigt. So steht es doch überall. Es muss also wahr sein. Und du willst die beste Mutter für dein Kind sein. Also stillst du weiter. Unter Schmerzen. Weinend. Bis dein Kind nicht mehr richtig trinkt, es sich nicht mehr anlegen lässt.
Und jetzt? Wartest du erstmal ab, ob sich das wieder legt? Stillen ist schließlich das Beste für dein Kind. Und ja auch das Natürlichste auf der Welt. PRE-Nahrung würde doch eure Bindung zerstören!!!

STOP!

Ja, stillen ist grundsätzlich von der Natur als Ernährung für Neugeborene vorgesehen. Nur – aus welchen Gründen auch immer – funktioniert es eben manchmal nicht für alle Beteiligten. Und selbst wenn es funktionieren würde, du es aber einfach NICHT WILLST, heißt das nicht, dass du

… eine schlechte Mutter bist.
… nicht gut genug bist.
… zu faul oder zu wenig willensstark bist, um deinem Kind das Beste zu geben.
… egoistisch bist.
… die Bindung zu deinem ruinierst.
… etwas falsch machst.

Durch PRE-Nahrung kannst du ebenfalls eine innige Bindung zu deinem Kind aufbauen. Und du kannst dein Kind ebenfalls – gut! – ernähren.

Stell dir folgende Situation vor:
Die Mama hat – nach den ersten Tagen – wunde, blutende Brustwarzen. Das Stillen verursacht enorme Schmerzen. Allein wenn sie schon daran denkt, wird sie nervös. Sobald das Kind andockt, bricht sie schluchzend in Tränen aus. Stillen wird für sie zur Qual. Unterbewusst verbindet sie das mit ihrem Kind. Das Stillen wird zu einer puren Stresssituation und die Mama wünscht sich jedes Mal, es möge bitte endlich vorbei sein.

Und nun stell dir folgendes vor:
Die Mama hat sich nach langer und reiflicher Überlegung gegen das Stillen entschieden. Sobald sie die ersten Hungeranzeichen ihres Kindes bemerkt, bereitet sie ein Fläschchen vor und füttert liebevoll ihr Kind. Die beiden schauen sich dabei immer wieder liebevoll in die Augen und die Mutter genießt die Situation sichtlich.

Entscheide für dich, welche der beiden Situationen für eine bessere Bindung sorgen wird.

Das Trage-Dogma

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Tragen.
Ganz klar: durch das Tragen hast du einen innigeren Kontakt zu deinem Kind, denn du hast es ganz nah bei dir. Was aber, wenn dein Kind sich nicht tragen lässt? Was, wenn es nur schreit, wenn du es ins Tuch oder die Trage bindest und sich auch nicht großartig beruhigen lässt?

Ja, das kommt vor. – Auch wenn man auf einschlägigen Blogs und in ebensolchen Büchern immer wieder liest, dass Tragen das Natürlichste auf der Welt sei und Kinder auf keinen Fall in einen Kinderwagen gehören.
Es kann angenehmer für dein Kind sein, im Kinderwagen zu liegen als in der Trage zu sein. Das ist eine Option. Zudem ist es auch möglich, dass sich die Vorlieben deines Kindes ändern. Vielleicht ist es anfangs gerne in der Trage, möchte später aber nicht mehr dort hinein und liegt lieber im Kinderwagen oder umgekehrt.

Mit Kindern kannst du grundsätzlich erstmal nichts großartig planen – und schon gar nichts, dass in Richtung „so und nicht anders“ geht. Mit Kindern musst du flexibel sein. Sowohl in deinem Denken als auch in deinen Handlungen. Wenn du dich darauf einlässt, dann wächst du gemeinsam mit deinen Kindern und da haben Dogmen nun wirklich keinen Platz. Würdest du an ihnen festhalten, würde dein Alltag mit Kind ein stetiger Kampf werden. Kräfteraubend. Unfriedlich. Unbefriedigend. Tränenreich.
Natürlich kannst du dich dem stellen. Wenn es dir das wert ist.

Genau so wie mit dem Still- und dem Trage-Dogma verhält es sich auch mit allen anderen starren Konstrukten, die du die irgendwann bewusst oder unbewusst angeeignet hast.

Mein Weg muss nicht dein Weg sein

Jede Mutter wächst mit der Zeit. Jede Mutter lernt mit der Zeit. Jede Mutter lernt – im Idealfall – von und mit ihren Kindern.
Jede Mutter ist ein Individuum. Genau wie jedes Kind.
Und bei so viel Individualität kann es niemals, unter keinen Umständen, DEN einen RICHTIGEN Weg geben. Nie.

Was aber passiert, wenn wir an Dogmen festhalten und bei anderen andere Realitäten sehen oder miterleben?
Verurteilungen sind nicht weit. Vorurteile klopfen an die Tür.
Kann es das sein, was wir uns wünschen? Für uns oder unsere Kinder?
Wollen wir unseren Kindern vorleben, dass man nur einen Weg gehen kann und alles andere falsch ist? Sollen sie lernen, dass die Welt nur aus schwarz und weiß, falsch und richtig besteht?
Oder sollen sie lernen, dass man sich gegenseitig akzeptieren und respektieren kann, obwohl man unterschiedliche Ansichten und Handlungsweisen lebt?

Die Entscheidung liegt allein bei uns. Ob wir unseren Kindern eine hilfsbereite und liebevolle Welt vorleben, ob wir ihnen zeigen, dass auch Alternativen gelebt werden können oder ob wir ihnen vermitteln, dass das Leben nur auf eine einzige dogmatische Art funktioniert.

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